Neurologische Symptome einer Infektionskrankheit

Von Ute Fischer

Was bei Covid-19 im Juni als sensationelle Entdeckung publiziert wurde, ist bei Lyme-Borreliose und den meisten Infektionskrankheiten schon fast normal: Jede Infektionskrankheit ist in der Lage,  psychische Beschwerden auszulösen. Schon bei SARS und MERS diskutierte man über Verwirrtheit, depressive Verstimmungen, Angst, Gedächtnisstörungen und Schlaflosigkeit. Viele Symptome halten in der Erholungsphase an und einige Patienten leiden langfristig unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (Lancet Psychiatry 2020; 7:611-217)

Das Team um Benedict Michael von der Universität Liverpool untersuchte 125 Patienten mit Covid-19.  77 davon (62 Prozent) erlitten ein zerebrovaskuläres Ereignis; das sind Erkrankungen, welche die Blutgefäße des Gehirns, der Hirnarterien oder Hirnnerven betreffen und sich unter anderem als Schlaganfall auswirken können.  57 Patienten erlitten tatsächlich einen Schlaganfall. Bei 39 der 125 Patienten (31 Prozent) wurden psychiatrische Veränderungen dokumentiert.  Bei 23 Patienten wurden Veränderungen des mentalen Zustands beobachtet, die die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose erfüllten.  Den Ärzten rät das Team der Studie, bei Patienten mit akuten neurologischen und/oder psychiatrischen Symptomen an die Möglichkeit einer Infektion mit dem Corona-Virus zu denken.  Quelle: Deutsches Ärzteblatt.

Die Autorin, selbst über zwei Jahrzehnte an Lyme-Borreliose erkrankt und mit typischen neurologischen Symptomen behaftet, weiß nicht, ob sie sich freuen oder noch lauter rufen soll über diese Verlautbarungen zu neurologischen Folgen von Corona. Was bei Corona inzwischen schon fast selbstverständlich ist, soll bei Lyme-Borreliose nicht gelten. Im Gegenteil; derartige Folgesymptome nach der durch Zecken ausgelösten Infektion werden seit über einem Jahrzehnt von Gutachtern vorzugsweise als Ausschluss-Kriterium für eine Lyme-Borreliose benützt.

Speziell Journalisten und schreibende Berufe sind von den häufigen kognitiven Störungen stark belastet. Sie führen nicht nur zu Konzentrationsschwächen, Denkblockaden und Wortverwechslungen, sondern auch zu motorischen Störungen beim Schreiben in Form von Buchstabendrehern, zum Wechseln in die falsche Tastenzeile und mangels Koordinierung  zum Treffen auf zwei Zeichen gleichzeitig. Im Gegensatz zu den früheren elektrischen Schreibmaschinen werden sie am Computer beide ausgeführt.

Ähnlich verhält es sich mit der Depression. Dass sie nach einer Corona-Infektion als Spätfolge auftauchen kann, ist von der Schulmedizin schon akzeptiert.  Borreliosepatienten verweist man günstigstenfalls in eine psychosomatische Rehaklinik, wobei depressive Phasen selbst nach jener Infektionskrankheit nicht als deren Folge, sondern als eigene Entität dargestellt werden. Speziell bei  bei Auseinandersetzungen mit Unfallversicherungen und Rentenversicherungen, besonders wenn es sich um die Anerkennung einer Berufskrankheit handelt, wird die Depression bei Lyme-Borreliose als Folge der Infektionskrankheit herausgerechnet.  Es bleibt abzuwarten, wie spitzfindig sich die Versicherungen im Falle von Corona verhalten werden.