Ich bin frei weil ich freier Journalist bin. Klingt einerseits platt, andererseits wie eine klassische Tautologie. Denn Journalist kann einer doch nur sein, wenn er einen freien Kopf behält und seine Arbeit eingebettet sieht in die Freiheit der Gedanken und ihres unzensierten Austauschs.Andererseits bedeutet „Freier Journalist“ nichts anderes, als nicht abhängig beschäftigt zu sein. Wobei die Abhängigkeit des „unfreien“ Journalisten darin besteht, ein regelmäßiges Einkommen zu beziehen, während der „Freie“ frei davon ist. Deshalb begibt er sich auf das Feld des Freien Journalismus, um sich unabhängige Bezüge zu erarbeiten.

Frei im Kopf sollte er als „Freier“ nicht zuletzt sein, weil er weiß, wie sehr Hierarchien menschliches Zusammenleben zumindest auch prägen. Sie erträglich zu gestalten, hat sich die freiheitsbewusste Gesellschaft ein Regelgerüst gegeben, das nach überpersönlichen Grundsätzen, über die man sich wiederum verständigt, ordnet, was Geltung beanspruchen darf und was sanktioniert wird. Solche Regeln haben jederzeit offen zu sein für Revision.

Freier Gedankenaustausch in der Gesellschaft setzt Medien voraus – und Medienschaffende, darunter Journalisten, die sich der Aufgabe verschrieben haben, herauszufinden, was die Menschen bewegt, was „Thema“ ist, worüber nachgedacht wird und was auf die gemeinsame Agenda gehört.

Was nichts weniger bedeutet, als dass der Journalist an der täglichen Erneuerung des Versprechens der freien Gesellschaft arbeitet, ihre Rahmenbedingungen zu reflektieren und ihre Veränderung zu ermöglichen.

Dies sich bewusst zu machen ist umso wichtiger, als die im gesellschaftlichen Gesamtgefüge funktionierende Verständigung in Gefahr ist, Opfer ihrer vertrauensvollen Arbeitshypothese zu werden: dass der rechtliche Rahmen der freien Meinungsäußerung und die meinungsbildenden Institutionen so etwas wie die Gesamtheit der vernünftigen und diskussionswürdigen Gedanken abbilden.

Denn just ein mächtiges Instrument für Artikulation und Zusammenschau von Meinungen und in den Bau der Gesellschaft eingreifenden Handlungen könnte die Grundlagen von freier Gesellschaft gefährden.

Die Rede ist vom Internet und seinen Möglichkeiten, unendliche Mengen von Äußerungen darzustellen und quantifizierbar zu machen. Was bisher nur angenommen werden konnte – Meinungen, die in der medialen Öffentlichkeit vorherrschen, sind halbwegs repräsentativ –, könnte sich durch die Zahl von Klicks und Likes zum Beispiel in den social media als der endlich dokumentierbare Mainstream darstellen.

Die schiere Häufung von Klicks zu exponierten Behauptungen mag den Eindruck erzeugen, hier komme endlich die wahre Mehrheit zu Wort – was im Extremfall den mummenschanzartigen Sturm aufs Kapitol in Washington wie der Beginn einer wahrhaften Revolution à la française im 21. Jahrhundert erscheinen lassen könnte.

Themenvielfalt und das Ethos der rationalen Abwägung im Meinungsraum verweisen die Fiktion der unwiderlegbaren Zahl in jene Besenecke, in die sie gehört. Zwar legitim als eine Meinung unter vielen, aber eben nicht das nachprüfbar demokratische Mehrheitsbild, das endlich sein Medium gefunden habe, sich gegen alle Manipulation und Gehirnwäsche zur Wehr zu setzen und vermeintlich der Mehrheitsgerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.

Der „Freie Journalist“ bleibt bei der Vielfalt seiner Themen und ist so – obgleich davon abhängig, als „Freier“ Einkommen zu erzielen – wahrhaft frei.