„Ich bin frei“ 

Ich bin frei. Auch an Freitag, dem 13. März, an dem fast zwei Dutzend E-Mails mit dem gleichen Betreff im Viertelstundentakt im elektronischen Postfach aufeinander prallen. Alles Absagen: die Pressekonferenzen im Landratsamt, die Gastspiele in der Kleinkunstbühne, die nächsten Konzerte im Musiktheater. Von der Redaktion weitgehend kommentarlos weitergeleitet. Einige mit einem traurigen Smiley versehen. Während die Kanzlerin von einem neuen Gegner spricht, erkenne ich die Zuspitzung einer vertrauten Herausforderung: wegbrechende Einkünfte durch gestrichene Termine. Nur mit Ausfallhonoraren ist diesmal kaum zu rechnen. 

Die Aussicht auf berufliche Autarkie zwinkert mir bereits im Studium verführerisch zu. Selbstständigkeit, das war kein Warten auf den festen Job, sondern eine logische Konsequenz, die dem Wunsch nach Freiheit und Flexibilität gefolgt war. Eine Lebenseinstellung, keine Notlösung. Den Wanderjahren durch finanzielle Dürre und perspektivische Unsicherheit folgt eine positive, Mut machende Dynamik. Netzwerke wachsen und verzweigen sich bis in entfernte Nischen hinein. Vereine, Firmen und Verbände, aber auch andere Printmedien, Online-Formate und größere Magazine klopfen an. Zweithonorare flattern ins Haus. Der Begriff „Medienkommunikation“ findet Einlass ins persönliche Produkt-Portfolio. 

Das Geschäftsmodell klingt attraktiv. Der Chef bestimmt, wann, für wen und wieviel er arbeitet. Er praktiziert Marketing in eigener Sache und kann das Lästige bequem umgehen: öde Themen lassen sich schnell und dankend ablehnen. Ein Privileg. Doch wer zu viele Rosinen pickt, der schrumpelt spätestens bei der nächsten Honorarabrechnung in sich zusammen. 

Kurz: Der Lebensunterhalt ist ein saisonales Puzzle mit Mut zur Lücke. Aber mit integriertem Spaßfaktor. Unterwegs in der Kulturszene, Interviews mit Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern, freie Recherchen zu komplexen Themen. Kommunikativer Nahkampf an der Front statt Seiten bauen, Leserbriefe kürzen und Desknet planen. Der Preis der Freiheit: man betreibt ein unsubventioniertes kleines Saisongeschäft auf ziemlich volatilen Märkten. Dazu kommt maximale Eigenverantwortung. Von Steuerangelegenheiten, Sozialversicherungsbeiträgen und Betriebsprüfungen bis hin zu Fragen des Urheber- und Persönlichkeitsrechts – alles lastet auf den eigenen Schultern. 

Die Kugel dazwischen tickt kritisch, frei und unabhängig. So lautet der Anspruch, der in permanenter Selbstreflexion überprüft und beim kleinsten Selbstzweifel upgedatet wird. Der Bedarf an konstruktivem und starkem Journalismus mit offenem Visier ist recht akut, denkt man mit einem gewissen Unwohlsein auf „Anti-Corona“-Demos zwischen „Lügenpresse“- und „Fake News“-Plakaten. Und gleichzeitig wird deutlich, wie hungrig die Menschen nach seriös recherchierten Informationen inmitten all der ätherischen Tweets und Posts tatsächlich sind. Das festigt die Vermutung, dass gerade Freelancer für einen fairen und möglichst objektiven Qualitätsjournalismus eine Lanze brechen müssen, weil sie ungefärbt von der politischen Ausrichtung ihres Mediums agieren und sich der panischen Reaktions-Berichterstattung vieler Blätter elegant entziehen können. 

Die pandemische Gegenwart hat die besondere Situation der Freien nicht erzeugt, aber brutal verdeutlicht. Entlang der Durststrecke keimen nun der Wunsch nach einer dauerhaften Wertschätzung und die Hoffnung auf eine wieder ereignisreiche Zukunft mit vielen Mails samt lächelnden Smileys. Ich bin frei. Und bleibe es. 

Thomas Tritsch