Beitrag zum Journalisten-Projekt „Ich bin frei“

Ich bin frei, und das ist auch gut so – dachte ich bisher: Ich kann mir meine Auftraggeber schließlich selbst suchen. Und meine Themen.

Doch dann kam Corona: Der eine Auftraggeber ging pleite, der andere strich seine Kosten zusammen und verzichtete fortan auf meine Mitarbeit. Ich dachte erst: Chaos! Aber dann: Chance! Jetzt bin ich wirklich frei, weil ich endlich machen kann, was mir schon lange durch den Kopf geht:

Im Oktober habe ich einen Blog gestartet für die Stadt, in der ich lebe, und für den angrenzenden Nachbarort: Hofheim/Kriftel-Newsletter habe ich ihn genannt. Ganz kurz: hk-newsletter.de.

Meine Überlegung: Wenn ich heute in meiner kleinen Welt wissen will, was los ist und worüber die Leute so reden, reicht Zeitung lesen lange nicht mehr aus. Ich müsste außerdem zwei, vielleicht sogar drei Zeitungen lesen. Kreisblatt. Hofheimer Zeitung. Frankfurter Rundschau.

Aber diese Zeitungen beinhalten ja nur noch einen Bruchteil der Informationen, die kursieren: Jede Gemeindeverwaltung hat heute eine eigene Pressestelle und veröffentlicht Nachrichten auf ihrer Homepage, nahezu täglich.

Das Landratsamt verfährt genauso, die Kliniken, die Parteien, Vereine, Organisationen, Unternehmer, Geschäftsleute… Alle publizieren ihre eigenen Inhalte, es sind natürlich keine journalistischen Texte, aber oftmals interessante, manchmal auch wichtige Informationen.

Dazu kommen die sozialen Netzwerke. Es gibt hier zwei, drei Gruppen, die sich auf Ortsebene gebildet haben, sie haben zusammen mehr als 10.000 Mitglieder. Natürlich wird da oftmals viel geplappert. Aber immer wieder finden sich darunter auch Posts mit guten, manchmal sehr wichtigen Informationen.

Wer also informiert sein will, was in dieser kleinen Welt – in Hofheim und Kriftel – alles passiert, der müsste jeden Tag Zeitungen lesen, jede Menge Webseiten durchsuchen, immer wieder die sozialen Netzwerke abscannen…

Das ist der Plan: Die Arbeit nehme ich den Leuten ab. Aus der Fülle der Informationen, die ich entdecke, forme ich kleine Häppchen und serviere sie in meinem Blog. Schnelle Meldungen, oft nur wenige Zeilen: Wer mehr wissen will, den führe ich mit einem Klick zur Quelle.

Dazu kommt die Kür: Journalismus, wie er mir Spaß macht. Nach Geschichten suchen. Es gibt sie nämlich noch, die Geschichten, die eine Kleinstadt aufhorchen lassen. Den einen oder anderen Mini-Skandal konnte ich schon aufdecken: Die städtische Webseite, die so schlecht gepflegt wurde, dass sich ein dubioser Unternehmer dort einschleichen konnte. Die Mieterschutzrechte, die Hofheim verlor, weil der Bürgermeister mehrmalige Aufforderungen des Ministeriums nicht beachtet hatte. Der Gerichtsbeschluss, der von der Stadtverwaltung einfach ignoriert wurde. Das Millionen-Grundstück, dass ohne öffentliche Diskussion an einen Luxus-Investor verkauft werden sollte.

Seit vier Monaten mache ich den Blog. Inzwischen werden 2.000, manchmal 3000 Seitenaufrufe gezählt – pro Tag. Soeben wurde die Marke von 100.000 Seitenaufrufen überschritten. Dabei schreibe ich gar nicht gezielt fürs Publikum und schon gar nicht für Klickzahlen. Mir geht’s um Journalismus. Um gut geschriebene Texte. Um sauber recherchierte Geschichten. Und siehe da: Es funktioniert! Selbst Artikel, die ausgedruckt drei DinA-4-Seiten füllen, werden gelesen.

Nicht alle finden den Blog gut, das gehört zur Wahrheit dazu. Die kommunalen Behörden hatten sich schön kommod eingerichtet, ihre Pressestellen schicken täglich Berichte an die Zeitungen, die die Texte oftmals unredigiert abdrucken. Das gefällt den Stadtvorderen: So können sie über die Medien die öffentliche Meinung steuern. Jetzt kommt da plötzlich einer und schreibt, worüber er will: Ein Störenfried, den mag man nicht.

Ich kann damit leben. Ich bin schließlich frei, richtig frei. Noch habe keinen klaren Plan, wohin mich dieser Blog führt. Das muss ich auch nicht, ich bin schließlich ein freier Journalist. Vermutlich werde ich Mitstreiter suchen. Vielleicht lässt sich eine solche Plattform auch finanziell lohnend machen. Mit Monatsbeiträgen? Mit kostenpflichtigen Anzeigen?

Ich weiß es noch nicht. Ich will mich auch nicht drängeln lassen: Ich bin frei – und ich mache den Blog, weil mir Journalismus, richtig freier Journalismus, einfach einen Riesenspaß macht.

Thomas Ruhmöller

Hauptstr. 3

65719 Hofheim

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