Ich bin frei weil … sich zwar alle Welt für eine Frauenquote auf dem Arbeitsmarkt stark macht – aber niemand für die 50-plus-Quote. Wie bitte? Ja, so ist es. Ich: weiblich, Magisterstudium, gute Ausbildung und in der ersten Feminismus-Welle sozialisiert, begrüße die Anstrengungen zur Frauenförderung im Beruf außerordentlich. Doch ich befürchte, eine andere benachteiligte Gruppe gerät dabei in Vergessenheit: die Generation 50 plus. Meine Generation.

Zunächst wurde ich frei, weil es meinen Arbeitsplatz im Frühling plötzlich nicht mehr gab. Daran war ausnahmsweise nicht das Virus schuld, sondern eine verlorene Ausschreibung, die das Unternehmen, bei dem ich beschäftigt war, in die Insolvenz getrieben hatte. Nach gut 30 Jahren sozialversicherter Anstellung in verschiedenen Agenturen, Verlagen, Firmen und Positionen stellte sich mir die Frage: Was nun?

Insgeheim hatte ich schon seit Jahren mit dem Gedanken geflirtet, mein eigenes Ding zu machen. Mich wieder ganz aufs Schreiben zu konzentrieren, statt Kundengespräche zu führen. Meine Arbeitszeit frei einzuteilen, statt im Stau zu stehen. Konzentriert und intensiv zu recherchieren, statt durch Meetings und Kollegentratsch abgelenkt zu werden. Einzig: Wer sollte das bezahlen?

Ich traute mich nicht.

Also begann ich, Bewerbungen zu schreiben. Die erste. Die zweite. Die zehnte. Die fünfundzwanzigste. Und stellte fest: Die Absagen waren freundlich formuliert, kamen aber mitunter erstaunlich schnell, während die Stellenanzeigen noch wochen- oder monatelang in meinen Suchaufträgen erschienen. Auf schriftliche Anfragen, aus welchen Gründen ich ungeeignet für den Job sei, erhielt ich keine Antwort, bis auch der hilfsbereite Berater bei der Arbeitsagentur meine Befürchtung bestätigte: Als Mittfünfzigerin auf Jobsuche im Medienbereich? Hm, wird schwierig.

Langsam fielen mir Muster in den Stellenanzeigen auf. Zu den Erwartungen der Unternehmen zählen meist „zwei bis drei Berufsjahre“, „erste Erfahrungen“ in der beschriebenen Tätigkeit, eine hohe Affinität zu sozialen Medien und digitalen Anwendungen. Und: Es wird immer häufiger geduzt. Egal ob Start-up, Digitalagentur, Transportunternehmen oder Gewerkschaft, alle suchen „dich“. Auf einer Internet-Plattform las ich, dass diese Form der Anrede „ältere“ Bewerber, sprich: über 40-Jährige, abschrecken soll. Da ich in Dänemark gearbeitet habe, verfängt diese Methode bei mir allerdings nicht, ist das Du im skandinavischen Sprachraum doch seit Jahrzehnten Usus und mir nur recht. Also formulierte ich meine Bewerbungen ganz ungeniert in der Du-Form. Und, beim ersten Mal wollte ich meinen Augen nicht trauen: erhielt Antworten per Sie! Blamage oder Bestätigung?

Egal, ich weiß es nicht. Während ich also einerseits Bewerbung um Bewerbung in die Welt schickte, begann ich andererseits zu netzwerken. Telefonierte, mailte, aß mit Medienschaffenden zu Abend, kontaktierte alte Bekannte auf Xing oder LinkedIn. Ziemlich „Old School“ also. Und – Überraschung – bekam erste Aufträge, die ich – noch größere Überraschung – zu aller Zufriedenheit erledigte, zudem pünktlich, was oft Erstaunen auslöste. Ich erhielt Folgeaufträge und weitere Anfragen. War also plötzlich richtig gut im Geschäft. Ohne Bewerbungen, Auswahlverfahren, Gehalts- und Du-Diskussionen. Ich hatte einfach eine Chance erhalten und mich bewährt, weil meine Ansprechpartner mich kannten, sich an mich erinnerten und sich nicht um mein Alter scherten. Und das Beste: Ich habe mich morgens noch nie so gern an meinen Schreibtisch gesetzt wie in den letzten Monaten.

Jetzt tu‘ ich aber erst mal was für meine Gesundheit und gehe joggen. Ich bin nämlich Mitte 50. Und frei.