Ich bin frei weil…

Als freier Journalist erarbeitet man sich Nischen, bei mir sind es die interkulturellen und sozialen Themen. Man spürt die Freude der Menschen, von der Mehrheitsgesellschaft, die gar keine Mehrheitsgesellschaft mehr ist, wahrgenommen zu werden. Doch dann steht alles still, bricht alles weg. Bricht wirklich alles weg? Eine kurze Reflexion:

Wie geht es einem freien Journalisten, wenn durch Corona die Hälfte der Einnahmen wegbrechen und er bei Hartz IV aufstocken muss. Eigentlich reicht ein Wort, besch…  dachte ich zunächst. Doch so einfach ist es nicht. Als die Dame vom Amt fragte, ob ich eventuell den Beruf wechseln will, musste ich nicht lange überlegen, das Nein kam reflexhaft heraus.

Immer wieder bleibt in der letzten Zeit mein Blick auf dem Glücksbringer an meiner Schreibtischlampe hängen, einem Nazar Amulett. Ich bekam es geschenkt, als ich über eine Iftar Feier berichtete, das muslimischen Fastenbrechen während des Ramadans, nach Einbruch der Dunkelheit. Ich erinnere mich an die Frage aus der Redaktion, als ich das Thema vorschlug. „Ob das unsere Leser interessiert?“ Es sind unsere Leser war meine überzeugte Antwort. Längst aber von Redaktionen oft unbemerkt, sind Migrantenfamilien im Kleinbürgertum angekommen, wollen wissen was in ihrer Nachbarschaft passiert, aber auch mit ihren Bräuchen und Traditionen wahrgenommen werden. Mit den Augen von draußen ist ein Arbeitsschwerpunkt entstanden, den ich wahrscheinlich aus einer Redaktion heraus nicht entwickelt hätte, denn die Fragen: „ sind das unsere Leser?“ oder  „interessiert das unsere Leser?“sind Hürden, die allgegenwärtig sind und die man erst einmal überwinden muss.

Mit einem Projektstipendium der Hessischen Kulturstiftung, das ich im Juni beantragt hatte sind meine persönliche Homepage und ein Blog über das internationale Offenbacher Kulturleben entstanden. (www.peterspressedienst.deund www.offenbachinternational.wordpress.com). Während mir ein Freund die technische Umsetzung abnahm, oblag es mir, das Archiv nach geeigneten Artikeln und Fotos zu durchforsten. Eine Reflexion über rund 20 Jahre als freier Journalist bleibt da nicht aus, und oft schaute ich beim Sinnieren zum Nazar Amulett. War ich noch im Januar beim serbischen Hausfest, von dem weder ich noch irgendjemand aus der Redaktion vorher etwas gehört hat, so kam im März der Lock down. Im April bekam ich einen Anruf, eine bis dato einmalige Veranstaltung:  Christen, Juden und Muslime beten gemeinsam und straemen es auf You Tube. Einen Monat später kam ein Anruf aus einem vietnamesischen Kulturverein. Katholische Vietnamesen hatten 1400 Masken genäht und an caritative Einrichtungen verschenkt, ob ich darüber berichten könne. Die Nähe zu den Comunities ermöglicht solche Berichte und macht auch die Relevanz meiner freiberuflichen Tätigkeit aus.

Schon sehr früh habe ich über die Arbeit eines rumänischen Streetworkers berichtet und so war ich auch dabei, als er dem ehemaligen hessischen Sozialminister Stefan Grüttner die Stadt aus seiner Perspektive zeigte. Das sind sicherlich die Highlights. Aber auch dort zu sein, wo es wehtut, anstatt mich permanent mit Lokalpolitik und dem redigieren von Texten über Vereinsfeste zu befassen,  ist ein Privileg.

Schon immer wollte ich nah bei den ganz normalen Menschen sein, zunächst als Pressephotograph. So erreichte mich im August ein Anruf aus der Offenbach Post Redaktion, ob ich ad hoc ein Symbolfoto zur Maskenpflicht machen kann. Ich ging in einen kleinen polnischen Lebensmittelladen, indem ich öfter Wurst einkaufe. Die Offenbach Post brachte das Foto auf der Titelseite. Als ich das nächste Mal dort einkaufen wollte, strahlte die gute Frau über beide Backen und packte mir zwei Flachmänner verschiedener polnischer Wodkas mit ein. „Ich habe doch nur meine Arbeit gemacht“, war meine spontane Antwort. Doch gefreut habe ich mich wie ein kleines Kind, die kleinen Fläschchen stehen heute noch, als Erinnerung auf der Anrichte.

Als während des Lockdowns im Frühjahr nicht nur das Konto, sondern auch die Nudelregale leer waren, rannte ich fluchend durch die Stadt. Ein älterer Mann, den ich aus einem rumänischen Kulturverein kannte, lachte mich an. Er sei ja jetzt in Rente und überhaupt habe er das alles schon einmal erlebt, damals in der armen Zeit in Rumänien, als er zwei Stunden für Milch für seinen kleinen Sohn angestanden habe und doch keine bekam, erzählte er. Auf die Frage was er jetzt als Rentner mache antwortete er: „ Was soll ich machen? Auf die Enkel aufpassen, es muss ja irgendwie weitergehen“.

Ja, es muss ja irgendwie weitergehen und mein Nazar Amulett wird mich hoffentlich beschützen.

Peter Klein

 

Peter Klein

Freier Journalist / Pressefotograf

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