Wir sind Freie, weil wir mutig sind – wir sind mutig, weil wir Freie sind!

Friseurin Bianka Bergler ging vor einigen Wochen mit einem emotionalen Video auf Instagram viral. Die Corona-Hilfen würden nach wie vor auf sich warten lassen, berichtete sie. Die Kleinunternehmerin könne ihre fünf Mitarbeiter nicht bezahlen. Verzweifelt setzt sie sich deshalb vor die Kamera und appelliert an die Politik. Und sie erzählt von ihrem Telefonat mit einer Mitarbeiterin im Callcenter der Agentur für Arbeit in Dortmund. Nachdem ich das Video, das millionenfach innerhalb von wenigen Stunden angeklickt wurde, gesehen hatte, war ich betroffen. Allerdings keimten auch Fragen auf: „Wie geht es eigentlich der angesprochenen Mitarbeiterin in dem Callcenter, die täglich nichts anderes tut, als mit verzweifelten Menschen zu sprechen und ihre Geschichten zu hören? Kann irgendjemand erahnen, was die Dame von diesen Erzählungen am Abend mit nach Hause nimmt? Wie sie mit den vielen Einzelschicksalen umgeht, mit den Beschimpfungen? Welche Motivation sie mitbringen muss, um überhaupt noch nach dem Telefonhörer zu greifen? Ich denke, es ist ein Knochenjob und vielleicht hat die von Bianka Bergler beschriebene Reserviertheit und das fehlende Mitgefühl auch einfach nur etwas mit Resignation zu tun? Vielleicht kann man nach all diesen Telefonaten am Tag keine Empathie mehr aufbringen? Wer hat Mitgefühl mit der Callcenter-Mitarbeiterin? Es gibt immer mehrere Perspektiven …

Ich kann diese Fragen stellen und die Situation differenziert betrachten, weil ich frei bin. Weil mir die Sicht nicht durch Meinungsmache, Systematik und Institutionalität verbaut wird. Als freie Journalistin schreibe ich für Redaktionen und Unternehmen, ich habe immer die Wahl, Aufträge abzulehnen, ich habe immer die Möglichkeit kritisch zu hinterfragen, ich habe immer die Möglichkeit den Menschen und seine Situation in den Mittelpunkt zu rücken und von allen Seiten zu betrachten. Ich bin damit reich geworden – nicht auf meinem Konto, aber ich habe mit dieser Haltung definitiv mein Leben bereichert. Es erfüllt mich nach wie vor – nach nun fast 30 Jahren – und ich würde es immer wieder so machen. Mit zunehmender Erfahrung festigt sich diese Haltung: Heute setze ich meine Worte noch stärker für Situationen ein, die in meinen Augen dringend Impulse benötigen. Nicht jeder kann seine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse formulieren und zu einem breiten Publikum transportieren. Ich tue das gerne, wenn ich merke, dass meine Herzensprojekte auch viele andere Menschen bewegen und versuche mit „Für und Wider“ auf die Situation hinzuweisen. Mittlerweile bin ich so vom Schreiben und Reden vermehrt auch zum Tun gekommen und versuche mich mehr aktiv zu engagieren. Als Freie bin kein seelenloser Gatekeeper der nur auf die Nachrichtenwerte fokussiert. Die Geschichten der Menschen liegen manchmal einfach zwischen diesen Zeilen. Man kann sie erkennen und ihnen helfen, sie respektvoll zu kommunizieren.

Mut, Vielfalt, Authentizität, Respekt, Freiheit und das Zuhören sind die Orientierungspfeiler meiner Arbeit als freie Journalistin. Vielleicht sind wir die letzten Dinosaurier in der Medienlandschaft –  zu idealistisch, zu blauäugig. Aber sollten wir nicht etwas davon retten? Ich versuche ein bisschen von diesem Idealismus an Berufseinsteiger und junge Menschen weiterzugeben. Mut ist dabei eine ganz wichtige Eigenschaft. Manchmal muss man erst lernen, mutig an Projekte heranzugehen. Alle Meinungen zu hören. Argumente zu suchen und zu finden, die Menschen dabei mit Respekt zu behandeln. Daher wünsche ich allen Journalist:innen, gerade in der jetzigen Situation, viel Mut! Wir sind Freie, weil wir mutig sind – wir sind mutig, weil wir Freie sind!