Ich bin frei, weil…

es für mich die schönste und spannendste Form ist, journalistisch zu arbeiten. Ich habe mich nach langjähriger freier Mitarbeit in verschiedenen Medienbereichen neben Studium und Redaktionsvolontariat bewusst für meine Selbstständigkeit entschieden und vor fast 20 Jahren mein eigenes Redaktionsbüro mit den Schwerpunkten Hotellerie, Gastronomie und Tourismus gegründet.
Damit habe ich mich spezialisiert, bin aber trotzdem breit aufgestellt, was zumindest bis zum Beginn der Corona-Pandemie die perfekte Mischung war: Als Freie konnte ich für unterschiedliche Auftraggeber vielfältige – auch regionale und kulturelle – Themen recherchieren und schreiben, was ein Mehr an Abwechslung brachte. Ich hatte darüber hinaus die Wahl, wann und wo ich arbeiten wollte. Einerseits war ich für gut zahlende Medien tätig, andererseits ging ich auch spannenden Themen nach, für die es eine nicht so gute Honorierung gab. Von Vorteil war oftmals, dass meine Arbeitsschwerpunkte es mir ermöglichten, ein Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten und für verschiedene Zielgruppen aufzubereiten.

Freie sind an keinerlei Verträge gebunden. Sie haben sich meist zu Experten auf ihrem Gebiet entwickelt und können neben angefragten Themen eben auch interessanten Spuren und Hinweisen nachgehen, was Festangestellten aufgrund ihres Status oder gewissen Abhängigkeiten zum Verlag (oder der Anzeigenabteilung) nicht immer möglich oder auch nicht gewollt ist. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass es freie JournalistInnen gibt, die kritischen Themen auf den Grund gehen, sorgfältig alle Facetten beleuchten sowie unabhängig und unparteiisch berichten. Auffällig ist, dass die Zahl an Freien steigt, wobei es sich dabei nicht nur um ehemals festangestellte Kollegen handelt, sondern vielfach auch um Quereinsteiger, die keinen professionellen Hintergrund haben.

Das Leben als Freiberufler gleicht oftmals einem Seiltanz ohne Netz und doppelten Boden. Das muss man wollen und mit einer gewissen Selbstdisziplin meistern. Schließlich besteht der Alltag nicht nur aus Freiheiten sowie dem eigenverantwortlichen, kreativen und wirtschaftlichen Arbeiten. Es gilt zudem sich selbst um Dinge wie Akquise, Buchhaltung, Marketing und Organisation zu kümmern sowie für Urlaubstage, Unerwartetes, den Krankheitsfall oder die Rente vorzusorgen.
Wie dramatisch sich das Frei-Sein auswirken kann, wird in der Corona-Pandemie deutlich: Verlage schicken ihre Mitarbeiter in die Kurzarbeit, stornieren Freien ihre bereits erteilten Aufträge, erwarten aber umgekehrt, dass man stets auf Abruf bereitsteht. Nur bei den wenigsten Verlagen ist etwas von einer Solidarität mit den Freien zu spüren und auch unter den Freien scheint jeder für sich zu kämpfen. Hinzu kommt, wie ich aus eigener Erfahrung feststellen musste, dass frau auch durch sämtliche gut gemeinten Corona-Auffangnetze rutscht, da ich bei etlichen Hilfsmaßnahmen als „Sonderfall“ abgestempelt wurde, der leider nicht ins Raster passte.
Doch den Kopf in den Sand zu stecken, ist nicht mein Ding. Wenn es so nicht läuft, dann eben anders: Ich habe mir andere Kunden und Nischen gesucht sowie Arbeitsbereiche verlagert, denn einerseits muss ich überleben, andererseits habe auch ich meinen Stolz und Preis. Sich auf die eigenen Stärken besinnen, kreativ neue Wege gehen und vielleicht den einen oder anderen Kompromiss eingehen – so lautet mein Patentrezept, um als Freie durch die Pandemie zu kommen, auch weiterhin bestehen und meinen Beruf mit Herzblut ausüben zu können. Irgendwann kommen (hoffentlich) auch wieder bessere Zeiten.

Martina Emmerich