Ich bin frei weil mein Beruf für mich nicht nur ein Job, sondern so etwas wie ein Fahrstuhl hin zu besonderen Momenten ist. Als Journalist ist es mir möglich, so viele Erfahrungen zu machen, was mir, ohne irgendetwas schlecht machen zu wollen, in anderen Berufen nicht wirklich möglich wäre. Und gerade jetzt in diesen anstrengenden Zeiten der Pandemie ist es mein Beruf, der mich in vielerlei Hinsicht über Wasser hält, was ihn für mich zur Berufung macht. Natürlich spielt Geld eine Rolle, denn ohne ein dezentes Auskommen wäre dieses Leben gar nicht möglich. Doch am Ende ist es die Kunst, die Spuren hinterlässt. Die Kunst, eine gute Geschichte zu schreiben, und das sind immer jene, die den Leser Zeit und Raum um sich vergessen lassen. Und wenn eine Geschichte neben der kurzweiligen Lektüre auch noch etwas nachhaltig Gutes schafft, dann nenne ich das perfekt, wenn es das denn gibt.

Dazu fallen mir gleich mehrere Beispiele aus dem letzten Sommer ein, in dem nicht nur die Kultur in einen unfreiwilligen Dornröschenschlaf verfiel. Auch das Reisen war nahezu unmöglich. Nun zieht es mich auf der Suche nach Geschichten schon seit Jahren in die Fremde. Die Aussicht, einen Teil des Urlaubs in Quarantäne verbringen zu müssen, schreckte viele Zeitgenossen vor einer Reise ab. Und so geschah mitten in der Krise etwas Wundersames: Die Menschen entdeckten die Schönheit und Exotik vor der Haustür neu.

Wäre Corona nicht gewesen, ich hätte im Sommer wohl ein Feature über die Alpen geschrieben. Stattdessen schnürte ich meine Wanderschuhe und suchte und fand meine Inspiration auf dem Nibelungensteig im nahen Odenwald, der seit jeher mein zweites Wohnzimmer ist. Spannende Begegnungen sind bei jedem Trip der Bonustrack, der diesen erst zu einer Story werden lässt. Denn Landschaften, Bauwerke und die Gastronomie können noch so superb sein – am Ende sind es immer noch die Menschen, die man trifft, die den Vibe der Zeilen ausmachen.

Ein Vibe, auch das habe ich gelernt, den man an jedem Ort finden kann. Und weil jede Redaktion, für die ich schreibe, händeringend nach Geschichten aus der Heimat suchte, erwies sich mein Job einmal mehr als Segen. Statt einem Roadtrip durch die Provence stieg ich auf ein dreißig Jahre altes Bike und radelte den Neckar entlang in Richtung Süden. Am Ende war man so erpicht auf meine Erzählungen, dass eine Serie daraus wurde. Es war ein schöner Sommer. Trotz Corona und dank meinem Job, der mich auf die Reise geschickt hat.

Im Grunde basiert jeder Artikel auf einer Reise. Nicht immer auf einer vielbefahrenen Straße, aber immer in Gedanken. Und immer geht es dabei zutiefst menschlich zu. Ganz gleich, ob der Text von einem City-Trip, einer digitalen Kinderfaschingsparty, oder einem Volksfest handelt. Solange es von Menschen gemacht wird, werden es die Emotionen sein, die Spuren hinterlassen. Wie die Geschichte eines an Krebs erkrankten jungen Mannes, der inmitten der Corona-Zeit um sein Leben kämpfte. Die Gespräche mit ihm, seinen Angehörigen und den vielen Menschen, die alle an einem Strang gezogen haben, um das Geld für seine teure Behandlung in den Vereinigten Staaten aufzubringen, werde ich nie vergessen.

Und dann war da plötzlich diese unerwartete Hoffnung, als sich auf meinen Artikel hin ein Spezialist gemeldet hat, der diese Behandlung in Deutschland und um ein vielfaches günstiger anbietet. Leider war dem jungen Mann und seiner Familie kein Happy End mehr vergönnt. Was bleibt, sind Spuren, die diese Zeit hinterlassen hat. Die Erinnerung an jene Tage, als das Unmögliche noch einmal möglich schien, und als mir vor Augen geführt wurde, wie viel wir Freien mit dem geschrieben Wort bewirken können. Und genau das ist es, was meinen Beruf zur Berufung macht.