Ich bin frei weil ich nah bei den Menschen und ihren Alltagsproblemen – gerade in der Corona-Krise – bin und sein möchte. „Freie Journalisten sind gerade in der schwierigen Corona-Pandemiezeit wichtiger denn je“, so meine persönliche Einschätzung der Relevanz von freien Journalisten/Innen. Festangestellte Journalist/Innen können – selbst wenn sie nah am Menschen sein wollten – von ihrem Schreibtisch in der Redaktion niemals diese Nähe zu Menschen und so auch zu vielen sich so ergebenen Themen entwickeln wie ich als „Freier“.

Freiberuflicher Journalisten, die sich jahrelang vertrauensvoll in einem gesellschaftlichen Umfeld bewegen, haben deutlich mehr Zugang zu den Menschen, ihren Problemen und dadurch auch zu aktuellen Themen. Gerade ein „Freier“ kennt eben zudem jene Persönlickeiten, die bescheidener sind, nicht stets im Vordergrund stehen (wollen). Freie kommen so – auch durch das Aufbauen von Vertrauen – an eben jene Menschen, die nicht im Fokus stehen, sondern wirklich engagiert sind und wichtige Akzente in der Gesellschaft setzen. Es benötigt auch ein gewisses Maß an Einfühlungsvermögen um an diese „still engagierten“ Persönlichkeiten zu kommen. Für mich ist es immer wieder beeindruckend wie sich in einem persönlichen Gespräch mitunter aus einer simplen Bemerkung bei näherer Betrachtung und weiterer Rechersche sich final immer wieder tolle Reportagen und tiefgründige Portraits herausarbeiten lassen.

Meine Vision wäre, dass Verlage die wertvolle Arbeit der freien Journalisten endlich mal mit fairen und angemessenen Honorarsätzen entlohnen würden und nicht stetig versuchen, die „finanzielle Schraube“ auf’s neue fester anzuziehen. Corona ist auch „Brennglas“ für den freiberuflichen Journalismus. Durch den Wegfall von Konzerten, den Ausfall aller Veranstaltungen im Kulturbereich, insbesondere auch in der Vereinsberichterstattung, sind alle freiberuflich tätigen Journalisten Corona-bedingt finanziell arg in die Bredouille gekommen. Nur wirklich sehr wenigen „Freien“ gelingt es, durch eine ausreichende Anzahl selbst recherschierter Reportagen – beispielweise historische Themen mit lokalem Bezug wie außergewöhnliche Freizeitaktivitäten, Portraits über Persönlichkeiten und auch gesellschaftlich relevante, mitunter existenzgefährdende Veränderungen durch die Corona-Einschränkungen (etwa in Bezug auf Gastronomie, Vereinslandschaft, Schulen, lokale Sportvereine und Jugend) – ohne das bisher vorhandene journalistische „business as usual-Geschäft“ – sich in schwieriger Zeit über Wasser halten zu können. Die „weniger gute Zeit“ in der Corona-Pandemie können die „Freien“ in finanzieller Hinsicht als große Herausforderung annehmen, bei der Rechersche stehen Aufwand und Ertrag noch weniger als sonst in einem angemessenem Verhältnis.

Als besonderen journalistischen Ansporn sehe ich das Aufdecken und Öffentlichmachen der vielen und erheblichen Missstände in der Bundes- und Landespolitik, deren „besondere Qualität“ sich in der Krisenbewältigung doch gerade in der schwierigen „Corona-Zeit“ zeigen sollte.

Die finanziellen Hilfen, die Selbstständigen, Solo-Selbstständigen und Freiberuflern von der Bundes- und Landespolitik versprochen wurden, wurden von den zuständigen Ministern und Behörden nicht eingehalten. Die von den Ministern Altmaier, Scholz und Bouffier im März 2020 und in den vielen Monaten danach versprochenen finanziellen Hilfeversprechen wurden nicht eingehalten, Anträge sind zu umständlich, Behörden arbeiten zu langsam. Und falls sie womöglich erfolgt sein sollten, dann mit erheblicher Verspätung, noch dazu meist geringer als erwartet und an nurwenige anspruchsberechtigte Antragssteller ausgezahlt. Viele „Freie“ kommen durch die nicht erfüllten Hilfezusagen und das von Beamten nachträgliche Einfügen des Begriffs „Betriebskosten“ in Antragsformulare in erhebliche finanzielle Engpässe. Viele zigtausend Menschen wurden von der Politik in der Corona-Krise schmählich im Stich gelassen. Der Begriff „Wortbruch“ steht im Raum.

Als „Freier“ sehe ich mich in der Verantwortung, in der Pflicht diese erheblichen Missstände, Unglaubwürdigkeit und Wortbruch der Politiker journalistisch aufzuarbeiten. Gegebenenfalls auch mit der Folge, dass diese Politiker ihren „Hut nehmen“. Es muss öffentlich gemacht werden, wie zeitlich verzögert Beamte in Behörden und Ämtern die von der Politik zugesagten Hilfen bearbeiten, sie mitunter ganz ablehnen obwohl sie anspruchsberechtigt sind.

Wichtig ist – gerade in Krisenzeiten – das Überleben des freien Journalismus vor allem im Hinblick auf Unabhängigkeit sicherzustellen. Das Gros der festangestellten Journalisten ist meines Erachtens aufgrund der zunehmenden Kartellisierung der Verlage vorsichtig geworden. Sie haben Angst um ihre Anstellung, wollen nicht mit Vorgesetzten in der Chefredaktion anecken um bloß nicht auf die „Abschussliste“ gesetzt zu werden.

Gerade in der Pandemie-Zeit erlebe ich in meinem Berufsstand das ernsthafte Bemühen, sich nicht von zerstörerischen Gedanken anstecken zu lassen – sondern mit meiner Berichterstattung einen positiven Gegenpol zur täglichen Corona-Nachrichtenflut zu setzen. Denn es gibt sie ja nach wie vor – selbst in dieser Krise – auch sehr viel Positives zu berichten.

Autor / Urheberrecht: Holger Hackendahl – freier Journalist aus Hanau.