„Ich bin frei”, weil

…die freie Tätigkeit mehr Unabhängigkeit erlaubt, die besondere Vielfalt des Sports besser auszuleuchten. In der Corona-Krise war es unerlässlich, den Blick auf ganz neue Fachbereiche auszuweiten und die eingetretenen Pfade zu verlassen.

Die Pandemie hat insbesondere Freie Sportjournalisten vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Als mit Beginn der Corona-Krise sogar der Profifußball den Betrieb eingestellt hat, war guter Rat teuer. Ich hatte bis dahin sehr regelmäßig von den Spielen der Fußball-Bundesliga berichtet, das Wirken des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) aus meinem Wohnort in Frankfurt begleitet, zudem seit 2002 von allen Fußball-Weltmeisterschaften und seit 2008 von allen Europameisterschaften berichtet. Seit 2009 waren auch die Turniere der Frauen dazugekommen (die aus meiner persönlichen Sicht mir unter journalistischen Gesichtspunkten deutlich mehr Vergnügen bereiten, nur mal nebenbei)

Für den Sommer 2020 war von meiner Seite alles für die paneuropäische EM 2020 vorbereitet. Unterkünfte und Flüge in Budapest und Bukarest waren gebucht, um aus diesen Spielorten wechselweise zu berichten. Bald war klar, dass dieses Turnier nicht mehr zustande kommen würde. Mit dem Lockdwon für den Profifußball, der bei Freien Journalisten wie mir trotz einer intensive Begleitung von  Sportarten wie Triathlon und Marathon mehr als 90 Prozent der Berichterstattung ausmacht, galt es sich erst einmal zu sammeln.

Neben der neuen Aufgabe als Ersatzlehrer für die Beschulung der eigenen Tochter stellte sich bald heraus, dass viele Redaktionen auf kreative Unterstützung der Freien Journalisten angewiesen waren. Vor allem wegen der Neu-Organisation in Kurzarbeit, aber auch den Zwang, Sportseiten füllen zu müssen, wenn kein Sport mehr läuft. Der Sportjournalismus war in Gänze gezwungen, eingetretene Pfade zu verlassen, denn auf einmal war das ausgeuferte Sportprogramm nicht mehr vorhanden.  Der Entschluss reifte schnell: Die Krise konnte eine Chance sein, anderen Protagonisten eine Stimme zu geben, neue Perspektiven zu beleuchten und sich in andere Fachbereiche zu wagen, die einen schon vorher interessiert hatten – etwa Psychologie, Ernährung und Medizin. Die freie Tätigkeit gab einem erst diese Freiheit, den Blickwinkel derart auszuweiten.

So wurden die Monate März, April und Mai 2020 zur Phase einer Neuorientierung. Ein Gespräch mit der Psychologin und Erziehungswissenschaftlerin Eva Brandt über Handlungsempfehlungen und Herangehensweisen bei Ausbruch der Corona-Krise; die Ratschläge des Arztes Kurt Mosetter über eine gesunde Ernährung, guter Schlaf und eine sportliche Aktivität als  Schlüsselrolle im Kampf gegen das Coronavirus, ein Interview mit dem Dediziner Thomas Fröhlich als Mannschaftsarzt der TSG Hoffenheim, der sich ziemlich  kritisch über den Re-Start der Fußball-Bundesliga äußerte, fanden Widerhall in renommierten Blättern.

Gerade die kritische Begleitung zur Wiederaufnahme des Spielbetriebs der Fußball-Bundesliga als der ersten Profiliga der Welt wurde zu einer wichtigen journalistischen Aufgabe, um das von DFB und DFL aufgelegte Hygienekonzept stets auf seine gesellschaftliche Akzeptanz zu hinterfragen. Kontakte zum DFB-Mediziner Tim Meyer, dem Erfinder des Hygienekonzepts, aber auch zum DFL-Chef Christian Seifert erwiesen sich als wichtig. Als Kritiker kam der Frankfurter Ironman-Begründer Kurt Denk zu Wort, der sich um die privaten Sportveranstalter sorgte und das Privileg des Profisfußballs hinterfragte.

Als Freiberufler ließen sich zahlreiche Beiträge u.a. in der Frankfurter Rundschau platzieren, die dem Meinungsspektrum aus meiner Sicht gut getan haben. Aus einigen  Nischen ergaben sich durchaus bereichernde Ansätze. Dazu entwickelten viele Redaktionen eigene Formate, um die sportfreie Zeit zu füllen. Erwähnenswert die Serie der Berliner Zeitung mit großflächigen Porträts von Persönlichkeiten des Sports, losgelöst von der Tagesaktualität. Dort konnte die Fußball-Nationalspielerin Melanie Leupolz vom FC Bayern ausführlich ihren Corona-Alltag schildern, der eben nicht mit solchen Privilegien wie den männlichen Stars durchsetzt war. Der dreifache Hawaii-Seiger Jan Frodeno ließ mit dem für einen guten Zweck aufgelegte “Ironman dahoam” aufhorchen, seine Mitstreiter Patrick Lange und Sebastian Kienle blickten in Interviews mit mir weit über den Tellerrand des Sports. Ein gut vernetzter Freiberufler hat eher die Möglichkeit, für diese klugen Charaktere aus einer Randsportart  eine Plattform zu finden, um ihnen eine Stimme zu geben. In einer Festanstellung als Redakteur wäre manches Thema und Interview sicher sonst auf der Strecke geblieben.

Meines Erachtens sind in der Pandemie gerade die Sorgen der Basis, der Vereinssport, die Kinder und Jugendlichen derzeit auf den Sportseiten unterrepräsentiert.  Jedem zweiten Sportverein droht in den nächsten zwölf Monate eine existenzgefährdende Lage. Wenn sich der Lockdown weiter hinzieht, zeichnen sich für den Sport in Deutschland irreparablen Schäden ab. Während die meisten Profisportarten weitermachen, findet die Masse der Mitglieder in den 90.000 Sportvereinen für längere Zeit kein Angebot vor. Darunter leiden vor allem Abertausende Kinder und Jugendlichen – und die Langzeitfolgen des Bewegungsmangels sind allenfalls zu erahnen.

Es kann auch für Freie Journalisten die Aufgabe werden, sich diesen vernachlässigten Gruppen zu widmen. Der in der Frankfurter Rundschau von mir veröffentlichte Text “Aufschrei an der Basis” am 6. November 2020 hatte großen Widerhall ausgelöst. Kein Thema, bestätigte der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) in der Recherche, sorgte in den Sozialen Medien für mehr Reaktionen als die Schließung der Sportplätze, Sporthallen und Spielfelder.  Eine Fortschreibung der Thematik betrachte ich als persönlichen Auftrag, damit das Sporttreiben der Kinder und Jugendlichen als das anerkannt wird, was er aus meiner Sicht ist: ein systemrelevanter Bereich.

Frank Hellmann, Freier Journalist aus Frankfurt

Frank Hellmann

Freier Journalist

Fritz-Böhle-Straße 4b

60598 Frankfurt

Tel.: 0170 8005255

Email: hellmannfrank2@web.de

Entsprechende Links zu den aus meiner Sicht besonders wertvollen Beiträgen sind hier aufgezählt.

Erziehungswissenschaftlerin Eva Brand – Panorama Frankfurter Rundschau

https://www.fr.de/panorama/negativegedankenkarussell-anhalten-13641322.html

Der Arzt Kurt Mosetter über gesunde Ernährung, guter Schlaf und eine sportliche Aktivität als Schlüsselrolle im Kampf gegen das Coronavirus – Südkurier

https://www.suedkurier.de/ueberregional/sport/Wie-bleibt-man-fit-zu-Zeiten-der-Corona-Krise-Der-in-der-Bundesliga-vernetzte-Arzt-Kurt-Mosetter-gibt-im-Interview-Tipps;art410965,10471986

Mannschaftsarzt Thomas Fröhlich, Mannschaftsarzt der TSG Hoffenheim, kritisch über den Re-Start der Fußball-Bundesliga – Süddeutsche Zeitung

https://www.sueddeutsche.de/sport/bundesliga-coronavirus-interview-hoffenheim-mannschaftsarzt-1.4905199?reduced=true

 

Ironman-Begründer Kurt Denk besorgt über die Sportveranstalter und kritisch über den Profifußball

https://www.fr.de/sport/ein-jahr-tauchstation-allen-negativen-folgen-13636388.html

 

Die Fußball-Nationalspielerin Melanie Leupolz über ihre Leidenschaft und ihren Alltag in der Corona-Krise

https://www.berliner-zeitung.de/sport-leidenschaft/melanie-leupolz-ist-die-spannendste-deutsche-fussballspielerin-li.80598

 

Die negativen Folgen des Lockdowns für Kinder und Jugendliche

https://www.fr.de/sport/aufschrei-an-der-basis-90091316.html