Mein Nachlass und ich

In den vergangenen Corona-Monaten stand und saß ich oft neben mir. Ich hatte das Gefühl, meinen eigenen Nachlass zu sichten. Ich – oder doch eine andere? – sah mir zu, wie ich in alten Zeitungsartikeln blätterte, in Terminkalendern, Pressemappen aus vordigitaler Zeit, in Broschüren und Reiseunterlagen aus fernen Ländern (werde ich je wieder nach Australien kommen können, wo einst der Indian Pacific die welthungrige Studentin mit nichts als Erdnüssen und Keksen für die lange Fahrt von Ost nach West durch die überwältigende Nullarbor Plain trug, die sie nie mehr los ließ, und wo später für „DIE ZEIT“ eine Reportage mit Truckern recherchiert werden durfte?).

Ich erbarmte mich der Museumsjahrbücher (wofür nie Zeit war), erlebte sentimentale Momente über Briefen und Postkarten von Künstlern, deren Weg ich als Kunstjournalistin begleitete wie sie den meinen in anregenden Diskussionen und dachte immerzu: Eigentlich bist du ja schon gestorben und wirst jetzt mal nachschauen, was von so einem Leben übrig ist.

Einem journalistischen Leben, das praktisch keine Pause kannte zwischen Ausstellungs- und Atelierbesuchen, Pressekonferenzen und Computerarbeit, aber große Lust, unterwegs zu sein. Neues zu sehen, auch off the beaten track, wenn möglich ungefiltertes Wissen zu erlangen über Lebensentwürfe und Landschaften, Menschen kennen zu lernen, von denen etwas zu erfahren ist über das enzyklopädisch Verbürgte hinaus. Schon früh hielt mich nichts. Die Schülerin fuhr mit dem Zug von Frankfurt nach Athen der archäologischen Stätten wegen und um die Kykladen zu sehen, eine Insel nach der anderen. Außer Bahn- und Fährtickets musste nichts organisiert werden. Geschlafen wurde notfalls am feuchtkalten Strand. Nach dem Abitur musste es eine Winter-Rucksack-Reise sein durch das tief verschneite Mallorca, wo die Mandelblüte auf sich warten ließ, später eine USA-Tour von New York nach Los Angeles via Toronto per Greyhound und mit  klapprigem Chevy auf den letzten Metern. Als Volunteer im Kibbutz Geva in den Baumwollfeldern und Grapefruits zu schuften war lehrreich ebenso wie erste Schritte alleine zu machen auch in diesem Teil der Welt.

Meine Neugier galt immer fremden Orten, verschiedensten Sachverhalten und der Sagenwelt, Biografien, künstlerischen und literarischen Positionen, Film und Musik. Der Wunsch, hinter die Dinge zu blicken, fehlte in der Handtasche ebenso wenig wie der Lippenstift. Wie ist es gemacht, und wer will damit was. Wo ist etwas echt und wahrhaftig, wo gekünstelt und unglaubwürdig. Ich bin frei, weil nichts sonst als der freie Journalismus es erlaubt, den Dingen jenseits starrer Dienstpläne intensiver nachzugehen. Dachte ich.

Alles floss in die Arbeit, die veröffentlichten Texte. Tagebuch führe ich nicht. Als Kunsthistorikerin denke und fühle ich in Bildern. Das schließt das sprachliche Bild ein. Nun hocke ich da seit bald einem Jahr ohne viele Ausblicke, ausgebremst von einer Waffe der Evolution, konfrontiert mit einem unsichtbaren Feind, der mich krank macht, bevor er mich noch infiziert hat, weil die Methoden, ihm zu begegnen, so viele Einschränkungen bedeuten und immer mehr Vorausplanung. Journalismus jedoch braucht Spontaneität neben der persönlichen Begegnung und dem realen Erleben.

Länder wie Saudi-Arabien muss man betreten, auch wenn man in Deutschland dafür gescholten wird. Wer sich nicht umsieht, kann nicht(s) (be-)urteilen. Und wer die Menschen ignoriert, weil ihm ein Regime nicht passt, der macht einen schweren Fehler. In mehr als 30 Jahren freiberuflicher Tätigkeit hieß meine Leitlinie: raus gehen, rein riechen, mit den Leuten reden. Mit allen! Es galt, gerade auch das zu sehen, was es offiziell nicht gab. Den Straßenstrich in Havanna, die Slums in Florida.

Corona hat allem ein Ende gemacht. Länder schotten sich ab. Grenzen werden geschlossen, Nationalismen befördert und befürwortet. Auch von Deutschen. Undenkbar bis vor kurzem. Dabei müsste doch jeder flehen: den unmittelbaren und unkomplizierten internationalen Austausch, die Reisefreiheit, bitte lasst sie uns wieder haben; don’t fence us in.

Was wird geschehen mit meinem riesigen Archiv, das nur grob nach Ländern und Regionen geordnet ist und der professionellen Aufarbeitung harrt. Für wen aber hätte es Wert? Für die digitale Nachwelt, die all das in Papiercontainer kippt?

Ich blicke beim Blättern zurück. Der Verlust sicher geglaubter Freiheiten nicht nur als Folge von Corona, sondern auch durch die Fesseln der Digitalisierung (früher genügte es, sich per Pass auszuweisen anstatt mit hunderten Passwörtern, die unauffindbar irgendwo herumgeistern) -, er erschüttert mich weit mehr als meine eingebrochene Auftragslage.

von Dorothee Baer-Bogenschütz

Kunstkritikerin und Kulturjournalistin