Ich bin frei… richtig frei – aber nur, weil ich mich immer wieder neu erfinde.

Oh Gott, die späten 1980er und die 1990er, das waren goldene Zeiten für freie Journalisten! Ich hatte mich, gerade mit dem Studium fertig, früh auf diesen Weg gemacht und es mir in einer Nische komfortabel gemacht. Der noch junge private Rundfunk, vor allem das Fernsehen und da die wirtschaftliche Seite, die hatten es mir angetan. Ich hatte sicherlich auch Glück, aber die Möglichkeiten zum Glück einsammeln waren viel breiter gestreut als heute. Mein Glück war es, auf einem Presseevent mit einem internationalen Fachredakteur bekannt zu werden. Gerade einmal einen Monat später hatte ich meine erste internationale Fachveröffentlichung. Schon bald galt ich als „Mr. Germany“. Wenn es darum ging, Informationen über die TV Industrie aus Deutschland zu bekommen, dann klingelte es bei mir buchstäblich in der Kasse. Internationale Reisen, üppige Honorare – ich lebte wie die berühmte Made im Speck.

Doch jede Party ist einmal vorbei: „9/11“ und die geplatzte Neue Markt- oder Internet-Blase markierten eine scharfe Zäsur. 2000 war noch ein Jahr mit Rekordeinnahmen, 2001 erwirtschaftete schon deutlich weniger und 2002 war dann endgültig ein Jahr der Tränen. Konsolidierung überall: Ich hatte vier große internationale Fachmagazine in meinem Auftragsportfolio, eines nach dem anderen wurde eingestellt. Im Monatsrhythmus bekam ich eine Mail des jeweiligen Chefredakteurs mit in etwa dem gleichen Wortlaut: Es ist vorbei. Jeder war damals in ähnlicher Situation, das bezog sich nicht allein auf meine ach so geschätzte Branche. Von diesem publizistischen Kahlschlag haben wir uns nie mehr erholt. Die verbliebenen Magazine haben die Honorare deutlich reduziert. Vom klassischen freien Journalismus zu leben wurde immer schwieriger. Der Konkurrenzdruck über das Internet, etwa durch Blogs und Podcasts, wurde immer größer und die weitaus meisten Verlage reagierten auf schrumpfende Auflagen vor allem durch immer weiteres Drehen an der Kostenschraube…

Dabei ist Innovation gefragt nicht nur in den Verlagen, gerade auch von uns Freien. Wir müssen uns neu erfinden, andauernd! Jetzt durch Corona ist der Druck noch einmal gewachsen. Verlage greifen noch einmal weniger auf Freie zurück. Aber das ist nur eine Seite: Wir werden uns an Corona als den Zeitpunkt erinnern, an dem sich die Digitalisierung endgültig durchgesetzt hat. Corona hat die Entwicklung enorm beschleunigt. Wir müssen uns darauf einstellen. Durch Networking und den konsequenten Ausbau der internationalen Kontakte konnte ich viel erreichen, vor allen Dingen Ideen kreieren und Hebel für die Umsetzung schaffen. Ich stelle mir immer wieder die Frage, welche meiner speziellen Fähigkeiten für andere interessant sein könnten. Wichtig dabei war es, über den Tellerrand zu schauen. Ich beschäftige mich jetzt viel mit Innovation und kuratiere Fachkongresse, natürlich immer verbunden mit einem publizistischen Paket. Corona liefert auch die Möglichkeit, etwas innezuhalten, etwas Abstand zu gewinnen. Das hilft die Strategie aufzusetzen und zu untermauern. Ohne die Pandemie wäre mein Buch zum Thema Innovation, das jetzt in Kürze erscheint, nie entstanden.

Ich erinnere mich an einen Kollegen, als ich ihm sagte er müsse sich selbst neu erfinden, erwiderte er, das mache er doch. „Aber man kann sich ja nicht alles gefallen lassen.“ Nein, Du musst Dich nicht neu erfinden lassen. Das musst Du schon selbst machen! Da ist Corona eine Chance. Die Pandemie ist eine Katastrophe – ohne Frage – aber sie ist auch eine Chance!

brockmeyer@mefadi.de