Ich bin frei weil ich mich 1993 bewusst für diesen Schritt entschieden habe, nachdem ich in der Redaktion einer kleinen Heimatzeitung erstmals in den Beruf hinein schnuppern konnte und schnell gemerkt habe, dass in einem Angestelltenverhältnis der Kreativität viel zu vielen Zwänge auferlegt werden. Die Terminverwaltung, die Vergabe der Termine an Freie, die Auseinandersetzung mit der Technik, die damals gerade im Umbruch war, nämlich von der Schreibmaschine zum PC, die ständigen Überlegungen, wie und mit was die Seiten der nächsten Ausgabe gefüllt werden sollen, ließen mir kaum noch Raum, selbst in Wort und Bild zu berichten. Kurzum: ich wollte nicht länger eine Redaktionsbürokratin sein, zumal ich bei meinem damaligen Lebensgefährten und späteren Ehemann, einem angestellten Redakteur einer Tageszeitung, sehr schnell gemerkt habe, dass Zeit zum Schreiben eigentlich nur noch außerhalb der normalen Arbeitszeit blieb. Auf Kosten der Freizeit und als unbezahlte Überstunden. Zudem kümmerte ich mich damals um meine pflegebedürftige Mutter. Eine Aufgabe, die ich in einem Angestelltenverhältnis kaum hätte erledigen können

Die „Freiheit“ jedoch hatte auch ihre Schattenseiten, wie ich schon bald erfahren sollte. Krank werden oder in Urlaub fahren war schwierig. Für jeden Tag, an dem ich nicht arbeiten konnte, gab es kein Geld. Und dann immer die Angst, dass bei längerer Abwesenheit ein anderer Freier das Gebiet, das ich als Lokaljournalistin bearbeitete, besetzen würde. So frei war ich also plötzlich gar nicht mehr. Auch nicht so frei, mir aussuchen zu können, worüber ich schrieb.

Also musste ich nehmen, was kam, um am Monatsende finanziell einigermaßen über die Runden zu kommen. Von Jahr zu Jahr musste ich mehr leisten, um den Lebensstandard zu halten. Denn während die angestellten Kolleginnen und Kollegen jedes Jahr ihre Tariferhöhung einpreisen konnten, musste ich jahrelang zu unveränderten Honorarsätzen schreiben und fotografieren. Das Einkommen ging sogar stetig zurück, weil die Redaktionen für die ich arbeitete, die Sparschraube immer weiter angezogen haben. Die Zahl der Aufträge ging zurück. Wo sonst zu einem Beitrag auch mal zwei oder drei Bilder erschienen sind, war plötzlich nur noch ein Foto zu jedem Beitrag im Blatt. So frei, die Höhe meines Einkommens zu bestimmen, war ich also nicht. Ich musste nehmen, was die Verlage anboten.

So begann ich, die Angestellten zu beneiden. Jedenfalls vorübergehend. Denn als die Zeitung, für die mein Mann arbeitete, ziemlich überraschend von einem großen Verlag übernommen und die Abläufe neu organisiert wurden, habe ich gesehen, wie schnell talentierte Schreiberinnen und Schreiber plötzlich von der Reportertätigkeit in eine Tätigkeit am Newsdesk gezwungen wurden. Für sie hatte es sich ausgeschrieben. Seiten bauen und Texte redigieren. Das wollte ich nie. Gottseidank war ich frei!!!

Dann aber kam das Jahr 2017. Diagnose Krebs! Von einem Tag auf den anderen bin ich aus dem Berufsleben gefallen. Erst die Operation, dann viele Monate Krankheit. Auf der einen Seite die Kosten für Rente und Krankenversicherung, dazu die Leasingraten für mein Auto, auf der anderen Seite außer einem kargen Krankengeld keine Einnahmen. Und dann passierte, wovor ich mich immer gefürchtet hatte. Plötzlich war ein anderer Freier in „meinem Gebiet“ unterwegs. Als ich wieder einigermaßen gesund war, hatte er sich dort etabliert. Ich bediente nur noch die „Resterampe“. Bekam Termine, die er nicht machen wollte und hatte am Monatsende nur noch ein Drittel dessen auf dem Konto, was ich vor meiner Krankheit hatte. Mehr schlecht als recht habe ich mich durchgeschlagen.

Dann kam Corona. Hatte ich an einem Mittwoch im März noch vier Termine für das folgende Wochenende, war bis Donnerstagabend alles abgesagt. Und so sollte es bleiben. Wochenlang. Hier und da mal eine Reportage, mehr war nicht. Von der ersten Hilfe bekam ich gerade mal 1800 Euro. Das reichte, um die laufenden Kosten für drei Monate zu decken. Mehr nicht. Von der zweiten Hilfe bekam ich nichts. Der Steuerberater hatte gerechnet und gemeint, ich hatte gemäß den geltenden Richtlinien kaum eine Chance auf einen Zuschuss. Psychisch war ich am Ende, sah keine Perspektive mehr als Freie. Hatte schon überlegt, in einem Supermarkt an der Kasse zu arbeiten. Dort wurde Personal gesucht. Zudem habe ich wieder mit der Malerei angefangen. Habe ein Bild nach dem anderen gemalt und auf Ausstellungen gehofft. Zwei hatte ich bereits terminiert.

Doch dann, im August 2020, die nächste Horrornachricht. Der Krebs war zurück! Das war‘s mit meiner Freiheit, die mir mal so wichtig war. Wieder eine Operation, dann monatelang Chemotherapie. Meine langen Haare waren weg. Ich fühlte mich als Monster, wollte nicht in die Öffentlichkeit. Aber da war noch ein Fünkchen Journalismus in mir, das nicht erloschen war.

Einer plötzlichen Eingebung folgend setzte ich mich hin und schrieb Geschichten. Weihnachtsgeschichten, die Kinder und Erwachsene lesen können. Plötzlich fühlte ich mich wieder frei. Habe stundenlang geschrieben. Insgesamt 24 Geschichten. Für jeden Tag vom 1. Dezember bis zum Heiligen Abend eine. Inzwischen ist daraus ein umfassendes Buch mit mehr als 250 Seiten geworden. Es ist seit einigen Tagen als e-book beiwww.tolino.de veröffentlicht. Trotz, oder gerade wegen Corona und des erneuten Lockdowns, dem die beiden geplanten Ausstellungen meiner neuen Gemälde zum Opfer gefallen sind.

Ich hoffe, nach meiner Genesung in ein paar Monaten auch wieder als Journalistin arbeiten zu können, denn der Drang zu schreiben ist wieder da. Natürlich frei. Auch wenn die Bedingungen nicht leichter geworden sind.

Nichts ist mir wichtiger als meine geistige Unabhängigkeit. Gemäß dem alten Volkslied aus dem 19. Jahrhundert „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten“ kann sie mir beim Schreiben niemand wegnehmen oder beeinflussen. Jeder meiner Gedanken ist mein unantastbares geistiges Eigentum, auf das ich stolz bin.