Fast drei Jahrzehnte habe ich als festangestellte Redakteurin für die Frankfurter Rundschau gearbeitet. Zunächst in Hanau in der Lokalredaktion, später baute ich die neue Stadtredaktion in Darmstadt mit auf und die letzten Jahre war ich in Frankfurt verantwortlich für die tägliche Campusseite der FR. Ich war 21 Jahre, als ich zur Frankfurter Rundschau kam – damals die jüngste Redakteurin im „Stall“- und 48, als die Zeitung in die Insolvenz ging und verkauft wurde. Nach fast 30 Jahren stand ich auf der Straße und ohne Perspektive auf eine neue Festanstellung. Ein Schock. Der Zeitungsmarkt lag 2013 am Boden und mir war klar: Ich bin zu alt und zu teuer, um wieder einen Redakteurinnen-Job zu finden. Und irgendwie wollte ich das auch gar nicht mehr, ich hatte keine Lust mehr auf diese Abhängigkeit und den zuvor erlebten jahrelangen Nervenkrieg.

Ich mache mich selbstständig, das stand früh fest. Aber erst einmal wollte ich Dinge tun, die ich immer schon tun wollte, aber für die ich nie ausreichend Zeit hatte. Mal etwas ganz anderes arbeiten und erleben. Ich bewarb mich als freiwillige Gärtnerin in England, in Sissinghurst, einem der berühmtesten Gärten der Insel. Dort war ich mehrmals schon zu Besuch und einmal dort mit den Profigärtnern zu arbeiten, war immer ein Traum. Den verwirklichte ich nun und es ging überraschend leicht. Ich bewarb mich beim National Trust, dem Betreiber des Gartens, mit einer einfachen E-Mail, schilderte mein Anliegen und das ich natürlich darüber auch schreiben würden. Schließlich war ich nach wie vor Journalistin und über die Volunteer-Zeit ließe sich eine wunderbare erste Story als freie Autorin schreiben.

Mehrere Wochen blieb ich in Sissinghurst und einem weiteren Garten in Cornwall und es war der gelungene Start in meine Selbstständigkeit. Die Artikel aus England waren der Türöffner für die Reiseredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, für die ich seither ebenso als Freie schreibe wie für die Garten- und Reportage-Seiten der FAS. Entstanden ist aus dieser Zeit auch ein Buch im renommierten Ulmer Verlag, das unter dem Titel „Einmal gärtnern wie in Sissinghurst“ nunmehr in die zweite Auflage geht. Ich bin eigentlich eher der zurückhaltende Typ, der zu FR-Zeiten immer nur notgedrungen mal Podiumsdiskussionen leitete. Nun jedoch lernte ich, auf Lesereise zu gehen und vor vollbesetztem Saal Lesungen zu halten und Bücher zu signieren. Eine spannende neue Erfahrung.

Der berufliche Neustart fiel auch in meinem eigentlichen Ressort, der Wissenschaftsberichterstattung, weitgehend leicht. Das lag vor allem daran, dass ich jahrelang in der Hochschulberichterstattung zuhause war und sehr viele Kontakte bereits zu Hochschulen und Universitäten in der Region geknüpft hatte. Meine Arbeit war bei den Kollegen*innen in den Kommunikationsabteilung bekannt und auch geschätzt. Als sich dort herumsprach, dass ich meine Stelle bei der FR verloren hatte, bekam ich von dieser Seite viele Angebote für Aufträge und eine künftige Zusammenarbeit.

Ich habe den Wechsel in die Selbstständigkeit nie bereut. Auch wenn das Honorar nur noch etwa halb so hoch ist wie das Gehalt als Festanstellte, genieße ich meine neugewonnene Freiheit und Selbstbestimmtheit sehr. Ich kann mir – jedenfalls meistens – meine Zeit einteilen. Ich arbeite heute für eine Vielzahl an Auftraggebern aus dem Wissenschafts- und Hochschulumfeld, für überregionale Zeitungen und Zeitschriften, meine Themen reichen von Raumfahrtmissionen, Studierendenalltag und Alumni-Arbeit bis hin zu Reise- und Gartenreportagen.

Meine Texte werden wegen meiner jahrlangen Erfahrung, Professionalität und Zuverlässigkeit wertgeschätzt. Oftmals werden Themen an mich delegiert, zu denen die festangestellten Kollegen*innen nicht die Zeit finden. Oft ist es aber auch der andere Blickwinkel oder die andere Herangehensweise an Themen, die ich einbringe und die gefragt ist. Ohne die Unterstützung der Freien ginge vieles unter oder blieben Leerstellen, weil Zeitungsredaktionen und Kommunikationsabteilungen unter immer größerem Zeit- und Arbeitsdruck stehen. Ich bin sehr oft froh, dass ich dem selbst nicht mehr ausgesetzt bin.

In der Corona-Zeit habe ich erlebt, dass die Kollegen*innen sich sehr bemüht haben, mir mit Aufträgen durch die Pandemie zu helfen. Diese Verbundenheit tat gut und hat mich sehr unterstützt, auch wenn die Einnahme-Seite durch Reise- und Gartenreportagen seit nunmehr über einem Jahr fast komplett weggebrochen ist. Um Zuschüsse des Landes oder Corona-Hilfen habe ich mich nie bemüht – und hätte sie auch nicht erhalten -, da ich zuhause arbeite und keine Betriebskosten anfallen. Über das Projektstipendium des DJV für Soloselbstständige würde ich mich daher sehr freuen.

Herzliche Grüße

Astrid Ludwig