Ich bin frei

Der Neugierde nachgehen, mit Worten ganze Geschichten und Schicksale erzählen, neue Wege finden, auf Missstände hinzuweisen – für mich war früh klar, dass ich Journalistin werden wollte. Die romantisierten Ansichten einer Frühpubertierenden mag der Arbeitsalltag nicht entsprechen. Doch dem Anspruch von damals versuche ich noch immer jeden einzelnen Tag gerecht zu werden. Bei jeder Nachfrage, der Verknüpfung einzelner Aspekte einer Recherche und dem positiven Feedback nach der Veröffentlichung fühle ich mich noch immer so stolz wie in dem Moment, in dem ich meinen Eltern verkündete, dass ich Journalistin werden würde. Was das bedeuten und beinhalten sollte – davon hatte ich wenig Ahnung. Hätte ich sie gehabt, wäre meine Entscheidung anders ausgefallen? Ich bezweifle es.

Selten war ich so stolz wie am Tag meiner Einschreibung – dem Tag, an dem ich mich für den Journalismus und gegen ein Studium der Psychologie oder Eventlogistik entschied. Wie schlecht es teilweise um die Branche bestellt ist, konnte ich vor fünf Jahren natürlich noch nicht einschätzen. Ich träumte während den ersten Vorlesungen von tagelangen, Rund-um-die-Uhr-Recherchen, von lebendigen Konferenzräumen und stundenlangen Interviews, die ich in zerfledderten Notizbüchern festhalten wollte. Seit diesen ersten Tagen als angehende Journalistin hat sich jedoch nicht nur mein Dokumentationssystem verändert.

An die Stelle der idealisierten Vorstellungen rückte der Alltag mit seinen KSK-Regelungen, VG-Wort-Anmeldungen und Auftraggebern, die erst Monate nach erbrachter Leistung und nach mehrfacher Aufforderung zahlen würden. Ich weiß nun mit Anfang 20 mehr über Umsatzsteueranmeldungen, als meine Eltern mir je erklären konnten. Dass ich meine Sonntage nach Möglichkeit damit zubringe, alle Talkshows der vergangenen Woche anzusehen und meine abonnierten Printprodukte zu lesen, während ich Tech-Podcasts höre, hätte ich ebenfalls nicht erwartet. Aber wenn mich mein Partner zum dritten Mal in derselben Woche von Bildschirm kratzen muss, weil ich mich wieder in einem thematischen Rabbit Hole vergraben habe, bin ich noch immer so verliebt in meinen Beruf, wie bei meinem ersten Termin für die Lokalzeitung meiner Kleinstadt.

Ich brenne für den Austausch unter Themen-Nerds, die eben doch meist die freien Kolleg:innen sind – jene Menschen, die ebenso wie ich keinen Schlafrhythmus, dafür aber jeden Aspekt ihres Bereichs aus dem Stehgreif heraus analysieren zu können. Sie und ich und wir sind die Journalist:innen, die oft die sogenannte Randberichterstattung abdecken sollen. Dass wir gleichzeitig zu Spezialist:innen werden, vielfältige Kontakte knüpfen und zu den kreativsten unserer Art gehören, wird von festangestellten Kolleg:innen durchaus belächelt.

Ich möchte das Daseins als Freie nicht missen, nicht einmal jetzt. Dieses Feuer, die Freiheiten, die Möglichkeiten und Innovationen, die im Feld der Freien entstehen, ist einer der Gründe, weshalb ich trotz aller Warnungen (und sind wir ehrlich: von denen gibt es für junge Medienschaffende viele) den Einstieg gewagt habe. Wenig ist so innovativ, so produktiv wie ein Raum voll Journalist:innen, die sich Ideen hin- und herspielen, sodass die Luft vor Formatideen und Problembenennungen geradezu flirrt.

Noch immer ist nicht klar, wie die Medienlandschaft nach der Krise aussieht. Wenn die unübersichtliche Auftragsflaute sich lichtet und mittelfristige Abteilungskürzungen sichtbar werden, erst dann wird klar, wie viele Kolleg:innen nicht mehr an den runden Tischen, Konferenzen und dem digitalen Austausch teilnehmen können. Wer hatte genügend Nebeneinkünfte, um sich über diese Zeit zu retten? Wer wurde fallengelassen? Und wer wird künftig von den Orten berichten, die die großen Redaktionen nicht einmal geographisch einordnen können? Ich habe Angst vor der Antwort.