Ich bin frei, aber wie lange noch ?

Ein Essay von Pressefotograf Alexander  Sandvoss

Grundsätzlich sollte es ein Traumjob sein: Pressefotograf*in für internationale Nachrichten- und Presseagenturen. Aber was bedeutet dies in Zeiten der Corona-Krise ?

Blättern wir zuerst einige Seiten im Kalender zurück, quasi Pre-Corona: früher wurden Pressefotograf*innen fest von den Redaktionen oder Nachrichtenagenturen angestellt. Das monatliche Auskommen war sicher, für die staatliche Rente wurde brav eingezahlt. Mittlerweile hat sich die Situation auch ohne Corona im Mediengeschäft geändert: Eine Festanstellung ist zur absoluten Rarität geworden. Heute heißt es meistens: FREELANCE. Das klingt natürlich schick und trendig, bedeutet aber nur, das man komplett auf sich alleine gestellt ist und um jeden festen Auftrag bangen muss.

Trotzdem: auch die Arbeit als freier Pressefotograf*in kann spannend sein und Freude machen, vor allem weil man auf Menschen trifft, die sich andere nur im Fernsehen oder in der Zeitung anschauen können.

Dies war auch der Grund, warum ich in das Geschäft der Pressefotografie eingestiegen bin. Vor Corona war eigentlich alles Top: Meine beruflichen Einsätze führten mich durch halb Europa. Frankfurt, Berlin, Zürich, Genf, Mailand, Cannes und Monaco zählten zu meinem Tagesgeschäft: Eine Fachmesse hier, ein Formel  1 Rennen da, und überhaupt jede Menge Pressetermine mit internationaler Prominenz aus Show, Sport, Politik und Wirtschaft.

Viele dürften die Aufgaben eines Pressefotografen unterschätzen: „Das ist ja gar kein Journalismus, der stellt sich nur hin und knipst ein paar Bilder“, werden einige Branchenfremde sagen.

Aber ganz so simpel ist es dann im Tagesgeschäft nun auch nicht: Meine Ausrüstung ist auf drei Fotokoffer verteilt und kostet 30.000 Euro. Pressefotograf*innen benutzen kostspielige Bildbearbeitungsprogramme. Die Beschriftung der Pressefotos muss dem Pressekodex entsprechen und erfordert oftmals eine Recherche im (Home)-Office abseits der Feldproduktion. Für einen Promi-Event am Abend muss man locker einen ganzen Arbeitstag einkalkulieren. Alleine die Vorbereitungszeit von der Akkreditierung am Nachmittag bis zum Beginn der Veranstaltung am Abend dauert oftmals mehrere Stunden.

Ein Presseartikel besteht meistens aus 50% Text und 50% visuellen Inhalten, deshalb schätze ich die Arbeit der Pressefotograf*innen genauso wichtig wie die Arbeit der schreibenden Kolleg*innen. Und die haben es auch nicht einfacher mit einem immer geringeren Zeilenhonorar. Und natürlich sind auch die Kolleg*innen immer häufiger der Freiberuflichkeit ausgesetzt.

In der Zukunft kann es sich eigentlich nur weiter bergab für Pressevertreter*innen bewegen:  Die Honorare für Wort- und Bild entwickeln sich in einer konstanten Abwärtsspirale.

Anstatt mehrere freie Pressefotograf*innen für eine Veranstaltung zu Akkreditieren, werden vom Veranstalter oftmals eine einzige Bildagentur beauftragt, die das Material exklusiv an die Medien verteilen darf. Dies nennt man „Pool-Lösung“ und hat leider nichts mit dem erfrischenden Nass zu tun.

Und die Corona Krise tut Ihr übriges: Abendfüllende Events mit internationalen Prominenten fallen seit einem Jahr so gut wie komplett aus. Selbst bei „Geisterspielen“ und „Geisterrennen“ im Sport wird „gepoolt“, so das der/die einzelne freie Pressefotograf*in kaum eine Chance auf Akkreditierung hat. Bei TV Produktionen, früher ein beliebtes Arbeitsumfeld für Pressfotograf*innen, werden auch nur noch „Hausfotograf*innen“ zugelassen. Und Pressekonferenzen der Wirtschaftskonzerne  finden überwiegend digital im Internet statt .

Bleibt nur zu hoffen, das sich mit der Ameliorierung der Krise auch das Arbeitsumfeld der freien Pressefotograf*innen verbessert. Hoffnung besteht, denn Verlage setzten aufgrund der niedrigen Kosten doch allzu gerne auf Freelancer, die für Ihre eigene Renten- und Sozialversicherung aufkommen müssen.

Es hat also durchaus auf Vorteile, ein freier zu sein, aber wie lange noch und zu welchem Preis ?

Alexander Sandvoss
Mitglied im DJV Hessen